Mittwoch, 1. September 1954:
Mit zahlreichen Mädchen und Jungen aus
anderen Bildungsstätten fanden wir uns
morgens in der damaligen Zehnjahresschule
(Kurstraße) ein.
Nach Abschluss der achten Klasse stand
dort auch vor uns sieben Jungen, die wir
schon seit der ersten Klasse zur Roland-
schule gegangen waren, die Entscheidung
an, welche der beiden Oberschulen in der
Stadt wir während der nächsten vier Jahre
besuchen wollten.
Da die nach Goethe benannte Lehranstalt
in der Otto-Nuschke-Straße (heute wieder
Jacobstraße) bei uns ihren "Ruf" als
staatspolitisch stark ausgerichtet hatte, war
der Entschluss schnell gefasst.
Dazu trug auch ein Mitschüler mit der Empfehlung seines älteren Bruders bei, doch besser "auf den Dom" zu gehen.
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Ein Großteil der Lehrerschaft bei einem Fahnenappell im Karreehof des Domes. Es spricht der Direktor der Theodor-Neubauer-Schule, Oberstudienrat Herbert Runge (re.).
Er verstarb 1980
.        Archiv: Lutzens

Noch in den Vormittagsstunden dieses 1. September ging es über den beschaulichen Mühlendamm zur "Theodor-Neubauer-Oberschule" in den eine ureigene ' Atmosphäre ausstrahlenden Dom-Burghof.
36 Schüler waren wir in der 9 A2, deren großer Klassenraum direkt an den langen Paradesaal angrenzend, - wie auch der Musiksaal, das Lehrerzimmer und der Zeichensaal - über einem Teil des Kreuzganges lag.
Hier schien der "Duft der Geschichte", so auch der Ritterakademie, noch durch die Gänge zu wehen.
Und als uns dort Lateinlehrer Studienrat Tigener ("Poldi"), Russischexperte Sonnenburg und Erdkundelehrer Friedrich-Karl Grasow - seinerzeit einer der jüngeren aus dem Pädagogenkollegium - mit steifem Kragen bzw. Hemd und Fliege entgegenkamen, war dieses Fluidum perfekt.
Wir ahnten im Spätsommer 1954 noch nicht, dass wir mit den Schülern beider Parallelklassen dann 1958 letzter Abitur Jahrgang der Domschule (Direktor Runge) sein sollten.
Unser Interesse galt vorrangig den elf Lehrern, die uns wöchentlich 32 Unterrichtsstunden erteilten (einschließlich sonnabends).
Da wir uns für den sprachlichen Zweig entschieden hatten, erlernten wir nun das mit Spannung erwartete Englisch (Latein folgte ab Klasse II).
Frau Dr. Gloel verstand es während ihrer jeweils fünf Wochenstunden ausgezeichnet, uns mit dieser Sprache vertraut zu machen. Besonders gern sangen wir "My bony is over the ocean", ebenso wie im Russischunterricht bei dem gutmütigen Herrn Sonnenburg das Lied "Jolka".
Weniger angenehm der Verlauf des Deutschunterrichts, wo der nach vielen Wochen Krankheit von uns mit lauten "Hallo" begrüßte Dr. Danneberg offenbar alles im Eiltempo nachholen musste.
"Esau", so sein von unseren Vorgängerklassen geprägter Spitzname - ein wahrer Hüne mit leicht vorgebeugtem kahlen Kopf und schier riesiger Schuhgröße -jagte uns nur so durch die Literatur.
Aus kleinen, Notizheften ähnelnden Büchern diktierte er fast pausenlos aus Leben und Werk bedeutender Schriftsteller und Dichter, ließ uns Lessing, Schiller, Kleist etc. repetieren. Bei ihm, wie auch bei Mathelehrer Telschow, Chemieleher Hoffmann und Physiklehrer "Kuno" Schneider (dessen Zorn wir uns wegen unserer Schwerfälligkeit, die Dezimalwaage zu verstehen, zuzogen) gab es für die meisten von uns weitaus seltener so gute Zensuren wie in der Grundschule.
Wahre Erholung boten dagegen die Kunsterziehung durch das bereits ergraute Fräulein Sauerbier sowie die Musikstunden mit Philipp Plogmaker. Nicht immer war er von unseren Qualitäten überzeugt: "Ihr singt heute wieder, als wenn eine Katze auf das Parkett pinkelt..."
Beim sehr jungen und verständnisvollen Klassenlehrer Grams hatten wir neben Sport auch Biologie und Gegenwartskunde.
Das war wie der Geschichtsunterricht des Herrn Weinholz zu ertragen, zumal sich die Domschule ohnehin politisch als sehr "gesittet" erwies. Nur zwei, drei Pädagogen gehörten der Partei an.
Gewiss, jeden Montag trafen sich Lehrerschaft und Schüler im Karreehof zum Fahnenappell, und für gewisse Zeit stand FDJ-Arbeit einmal pro Woche auf dem Stundenplan.
Auch andere "Vorgaben" konnte keiner umgehen. So ging es - bedingt durch die Misere in der Landwirtschaft (viele Bauern waren in den Westen getürmt) - im Herbst 1954 für zweieinhalb Wochen nach Prützke und Hohenferchesar in die Kartoffelernte.
Obwohl zeitweise unter miesen Bedingungen trugen diese Einsätze mit dazu bei, uns näher kennenzulernen. Schließlich war unserer Hände Kraft nochmals Anfang Juni 1955 gefragt beim Aufbau der Freilichtbühne Marienberg und beim Abriss letzter Reste des zerstörten Kriegerdenkmals.

Aus: Brandenburger Wochenblatt, Mittwoch, den 8. September 2004

Letzter Abitur-Jahrgang an der
Dom-Oberschule

Unterricht bei "Esau" und Fräulein Sauerbier

Von Manfred Lutzens

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